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Agfa-Werbung 1964, © Archiv der Bayer AG

Denkmaltag 2018: Was bleibt von der "Vier-Mark-Box"?

Foto: © Archiv der Bayer AG - In der Sängerstadt Finsterwalde steht der diesjährige "Tag des offenen Denkmals" am 09.09.2018 unter dem Motto "Entdecken, was uns verbindet". Seit nunmehr sechs Jahren zeigt der Sammler und Fotograf Jürgen Schlinger im ehemaligen Kaufmannshaus "Ad.Bauer's Wwe." seine Dauerausstellung zur "Geschichte der Photo- und Kinematographie". Zum Denkmalstag ergänzt er sie regelmäßig und mit viel Detailliebe mit einer Sonderschau. Diesmal zum Thema: "Von A wie Agfa über V wie Voigtländer bis Z wie Zeiss Ikon… Berühmte Namen, die langsam verblassen".

Lang ist die Liste in aller Welt bekannter Unternehmen, welche mit einzigartigen Erfindungen und hochwertigen Erzeugnissen den sprichwörtlichen Begriff deutscher Wertarbeit entscheidend geprägt haben. Längst nicht alle Namen, die älteren Fotofreunden wie Musik in den Ohren klangen, sind heute noch bekannt. Ein solches Beispiel ist die "Actiengesellschaft für Anilinfabrikation" (Agfa).

1867 gründete sich in Berlin-Rummelsburg eine kleine Farbenfabrik. Zunächst wenig erfolgreich, kam sie schon bald in Kontakt mit der Fotografie. Das geschah jedoch eher zufällig, denn bei der Suche nach besonders reinen Farben für seine Versuche zur Verbesserung der Farbenblindheit fotografischen Aufnahmematerials wurde der Fotochemiker Prof. Hermann Wilhelm Vogel gerade in Rummelsburg fündig.

Wenige Jahre später erfolgte 1873 der Gang an die Börse. Dr. Franz Oppenheim, seit 1887 im Unternehmen, erkannte früh die enge Verbindung zur Fotografie und betreute den jungen Chemiker Dr. Momme Andresen mit der Aufgabe, diese Idee weiter voranzutreiben. 1889 wurden bereits erste fotochemische Produkte auf den Markt gebracht: Der Entwickler "Eikonogen" und ein saures Fixierbad. 1891 folgte das bis heute hergestellte "Rodinal". 1894 gelang es, die ersten lichthoffreien Trockenplatten zu produzieren, zwei Jahre später Celluloidfolien (Planfilme) als Aufnahmematerial. Mit der Rollfilmproduktion und den ersten Versuchen zum Kinofilm setzte nach der Jahrhundertwende im neuen Werk Treptow eine rasante Entwicklung ein, drei Jahre später erweitert durch eine Großanlage in Lichtenberg. Beispielloser Erfolg und wachsende Nachfrage führten zu einem Fabrikneubau in Wolfen im Kreis Bitterfeld. Mit Kriegsbeginn 1914 wurde die Produktion von speziellem Aufnahmematerial für die Luftaufklärung, Celluloidfenster für Gasmasken, Negativ- und Positivkinofilm und die Farbrasterplatte in das Programm aufgenommen. 1922 folgte ein doppelseitig begossener Röntgenfilm.

Parallel dazu hatte die Farbenfabrik Bayer, Leverkusen, durch eine Zusammenarbeit mit der Firma Liesegang, Düsseldorf, die Produktion von Fotopapier aufgenommen und ergänzte 1923 die Verbindung zur Fotografie mit der Übernahme des Münchener Kamerawerkes Heinrich Rietzschel.

Agfa war mit ca. 10.500 Mitarbeitern inzwischen die größte Filmfabrik Europas. Im Jahr 1925 erfolgt die Fusion von Agfa und Bayer, später I.G. Farben. Das bekannte Agfa Rauten-Logo zierte als Markenzeichen fortan alle Fotoprodukte, deren Palette mit Chemikalien, Platten, Filmen, Kameras, Kinogeräten und Laborbedarf nunmehr komplett war. Nebenher war das Unternehmen zu jeder Zeit wissenschaftliche Forschungsstätte. Das Kamerawerk in München platzte bald aus allen Nähten. Mehrfach erweitert produziert es Platten- und Rollfilmkameras der "Billy"- und "Standard"- Baureihen. Immer bestrebt, mit einfacheren und preiswerten Geräten die große Masse der Bevölkerung für die Fotografie zu begeistern. Jährlich wurden etwa 260.000 Fotoapparate produziert. Eine 1930 auf den Markt gebrachte Box-Kamera zum Preis von 16,50 RM erzielte im ersten Anlauf knapp 44.000 Stück, was mit der legendären "Vier-Mark-Box" 1932 noch gesteigert wurde. All das geschah vor allem, um das Filmgeschäft zu stärken. Der ganz große Wurf gelang jedoch 1936: Etwa zeitgleich mit KODAK stellt Agfa den ersten Mehrschichtfarbfilm der Welt vor: "Agfacolor neu". Dem Diafilm folgte der Farbnegativfilm und 1942 das erste Colorfotopapier. Zur gleichen Zeit liefen die ersten Spielfilme auf Agfacolor-Filmmaterial in den deutschen Kinos.

Das Ende des zweiten Weltkriegs unterbrach für viele Jahre den Riesenerfolg des Weltunternehmens. Weite Teile der Anlagen waren durch Bombenangriffe zerstört, der Konzern I.G. Farben wurde zerschlagen. Patente, Rezepte und Führungskräfte gelangten nach Amerika. Das galt auch für das Werk Wolfen, bis dieses am 01.07.1945 der Sowjetunion zugesprochen wurde und als "Sowjetische Aktiengesellschaft" (SAG) die Produktion wieder aufnahm. Ab 1946 wurden große Teile der Anlagen als Reparationsleistung demontiert und mit Ingenieuren und Meistern in die Ukraine transportiert, wo die erste russische Farbfilmfabrik entstand. 1956 übernahm die DDR den Betrieb in Wolfen und baute das volkseigene Film- und Faserwerk auf. Der Name Agfa galt im geteilten Deutschland weiterhin, bis nach langen Lizenzstreitigkeiten in der DDR ab 1964 freiwillig die Bezeichnung ORWO (Original Wolfen) verwendet wurde. In der Bundesrepublik wurde in den 50er Jahren die Produktionsstätten wieder aufgebaut, wobei in Leverkusen für das Wolfener Werk eine neue Filmfabrik gebaut werden musste. Seitdem produzierte Agfa in der Bundesrepublik das volle Sortiment. 1964 erfolgte die Fusion mit dem belgischen Unternehmen Gevaert unter dem Namen Agfa-Gevaert.

Das Ende des Weltunternehmens wurde am 01.05.2005 verkündet. 2004 erzielte Agfa noch einen Jahresumsatz von 700 Millionen Euro, wenige Monate später war das Unternehmen insolvent. Agfa wurde ein Opfer des technischen Fortschritts, verursacht durch den Sieg der elektronischen Bildaufzeichnung. Diese und weitere interessante Geschichten anderer weltbekannter Unternehmen und ihrer Marken sind in der Sonderschau von Jürgen Schlinger zu finden.

Am Denkmaltag werden zusätzlich alle übrigen Ausstellungsstücke wie z.B. die sieben Meter lange Jugendstilladentheke, der Lastenaufzug, die Kaffeeröstmaschine und die originale Orthopädie-Werkstatt zu besichtigen sein. Und im Ring-Café wird es natürlich wieder frischen Kaffee und Kuchen geben. Im kommenden November wird an gleicher Stelle die Veranstaltungsreihe "Finsterwalder Stadtgespräche" mit einem literarischen Höhepunkt fortgesetzt. Erwartet wird die Schauspielerin Eva Mattes, die aus dem neuesten Buch der Bestseller-Autorin Elena Ferrante lesen wird. Die gemeinsam mit dem Finsterwalder Sängerstadtmarketing e.V. durchgeführte kulturelle Veranstaltungsreihe erfreut sich seit achtzehn Jahren einer großen Beliebtheit.
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16.12.18
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